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Technik unter dem Messer

Schönheit ist fast alles

08/10/2019
3 min
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Auch nicht Harvard Mark I, er war ein lochstreifengesteuerter Relaisrechner und wurde ab 1939 bei IBM entwickelt. 1944 war er betriebsbereit und definitiv keine Massenware. Kaum jemand hat Harvard Mark I zu sich nach Hause eingeladen.

Havard_Mark_I

Harvard Mark I

Warum auch: Er war groß, sperrig und hoch komplex. Ästhetik war den ersten Entwicklern von Computern und ihren Vorläufern, zu denen auch Harvard Mark I zählt, völlig egal. Es ging um die reine Funktionalität. Das Nutzererlebnis als solches, die Benutzerfreundlichkeit und die glatte Schönheit eines Gerätes waren - wenn überhaupt - Nebensache. Die Maschinenbauer waren am Werk und haben die effizientesten Funktionalitäten entwickelt. Der Blick eines Laien auf den Harvard Mark I konnte daher auch mutige Menschen einschüchtern.

Schönheit braucht Reflexion

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant meinte bereits, das ästhetische Gefühl brauche Reflexion. Das Wohlgefallen am Schönen würde von der Reflexion über den Gegenstand abhängen. Was genau hat das mit der ästhetischen Revolution der Technik zu tun? Viel, denn alle emotionalen Zentren, die auch etwa für Belohnung wichtig sind, sind mit von der Partie, wenn wir etwas als schön empfinden. So wie wenn wir einen Kuchen ansehen, den wir gerne essen. Je schöner das Werk, desto stärker die Aktivierung der betroffenen Hirnareale. Sollten technische Geräte in den Alltag integriert werden und Mechanophobie überwunden werden, mussten sie gewissen Schönheitsstandards entsprechen.

Der Aufstieg der Ästhetik in der Technologie

Bis 1955 waren weltweit über 100 verschiedene Computer im Einsatz, genutzt lediglich von einem kleinen Kreis Technik- und Maschinenbau-Eingeweihter. Ab dann begann mit der breiten Verwendung des Computers in Wissenschaft und Wirtschaft der Aufstieg der Computerindustrie. Von Ästhetik kann man allerdings auch damals noch nicht sprechen. An der Entwicklung von technischen Geräten waren fast ausschließlich Maschinenbauer, einige wenige Elektroniker und noch weniger Softwareentwickler beteiligt. Für den Maschinenbauer muss das Gerät steif, dynamisch und leicht sein, die Trägerart muss berücksichtigt werden und die Schrauben sind dort ansetzen, wo man in der Montage leicht herankommt. Es musste praktisch sein.

Geräte brauchen einen Charakter

Heute weiß man: Ein Gerät braucht einen Charakter, es muss Gefühle suggerieren, damit Menschen gerne damit in Interaktion treten.
In der Computerwelt bekamen die User mit dem Power Mac G3 Blue & White ein völlig neues Flair vermittelt. Mit einem Griff ausgestattet suggerierte er dem Kunden: „Wenn du mich tragen möchtest, dann mach es einfach.“ Obwohl die wenigsten Nutzer daran interessiert sind, ihr Standgerät herumzutragen. Trotzdem, dieser Mac hatte die Freundlichkeit, sich tragen zu lassen. Allein damit war die erste Hürde der Annäherung überbrückt, und die Angst vor dem Gerät ging zurück. Zusätzlich war er leicht zu bedienen und farblich ansprechend. Besser war er deshalb noch lange nicht, aber er hat aufgrund dieses banalen Griffes ein Nutzererlebnis vermittelt.

Power Mac G3 Blue & White

Power Mac G3 Blue & White

Die Autoindustrie ist im Wandel

Beim Auto ist das Design schon sehr viel länger von größter Bedeutung. Gerade hier erkennt man, dass neue Technik die Optik der Autos stark verändert. An der Entwicklung des Elektroautos arbeiten Ingenieure unter völlig neuen Bedingungen und räumen dem Design mehr Raum ein. Durch den Wegfall etwa von Kühlung und Auspuff ist viel Platz gewonnen. Bis sich der Look entsprechend ändert, wird aber noch einige Zeit verstreichen. Ähnlich wie vor 150 Jahren, als anstelle eines Pferdes ein Elektromotor vor den Wagen montiert wurde und das Fahrzeug noch Jahre später wie eine Kutsche aussah.

Altes Auto

Form folgt nicht der Funktion, sondern der Ästhetik

Die Zeiten von „Form Follows Function” gehören der Vergangenheit an. Bedenkt man etwa das autonome Fahren, müssen Passagiere nicht mehr zwingend aufrecht sitzen. Vielleicht werden in Zukunft sogar Kinder vom Auto ohne Eltern in die Schule gefahren. Die Form wird nicht mehr der Technik folgen, sondern sich Geschmack und Kultur anpassen. Experten rechnen in etwa zehn Jahren mit einer ganz neuen Art von Automobil, bei dem die Designer eine nie da gewesene Freiheit genießen werden.

Ein Blick in die Welt der Smartphones verrät allerdings auch, dass die Form der Ästhetik folgt. Es wird nicht mehr von innen nach außen gearbeitet, nicht mehr von der Funktionalität ausgegangen. Vielmehr wird die exquisite Hülle des Smartphones zuerst gebaut. Wichtig dabei ist, dass das Gerät klein und schlank ist und eine gewisse Eleganz ausstrahlt. Das steigert das Nutzererlebnis und den Selbstwert. Das Gerät muss innen wie außen schön sein. Ist die Hülle fertig, bauen die Softwareentwickler die Technik ein. Würde Steve Jobs sehen, dass die Kameras bei heutigen iPhones leicht herausstehen, er würde sich vermutlich im Grabe umdrehen. Denn die Technik muss maßgeschneidert in die Hülle passen, egal wie unmöglich das erscheinen mag. Ästhetik hat in diesem Bereich Vorrang.

Blickt man in eine große Fertigungshalle, findet man auch heute noch praktisch veranlagte Maschinenriesen à la Harvard Mark I. Wird ein Gerät jedoch in das direkte persönliche Umfeld gestellt, nimmt die Bedeutung seiner optischen Anreize zu. Die Welt der „prosumers”, also Verbraucher, die gleichzeitig auch produzieren, möchte schöne Maschinen und Geräte im Arbeitsfeld nutzen. Privat wie im Beruf freut man sich am ästhetischen Mehrwert eines Produkts und verbindet schönes Design automatisch mit höherer Qualität. Das ästhetische Know-how von heute steckt in der Software und erfolgreich werden jene Firmen sein, die Software und Hardware gut miteinander verknüpfen können – und dabei die Ästhetik nicht aus den Augen verlieren.

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